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Ein neues Fluss, der Rio Curaray

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Wir lassen jetzt den Nushiño hinter uns und fahren auf dem Curaray weiter. Nach vielen sehr mühsamen Kilometern werden wir ab jetzt immer genug Wasser haben, damit das Schieben der Vergangenheit angehört.

 

Es ist genial jetzt auf einem neuen Fluss unterwegs zu sein und etwas Abwechslung zu haben! Die Erholung in San José tat gut und auch mein Zehennagel sieht jetzt deutlich besser aus. In den kommenden Wochen wird der Nagel nachwachsen und schon jetzt ist das Infektionsrisiko deutlich reduziert.

Nachdem es in den letzten Tagen sehr stark geregnet hat, führt der Curaray jetzt viel Wasser. So kommen wir wirklich gut voran. Wir haben mit dem Dorfbewohner Hermando über die vor uns liegenden Kilometer gesprochen und haben jetzt einen groben Plan für die Orte an denen wir schlafen können. Ab jetzt wollen wir versuchen mehr in Dörfern zu schlafen. Das hat den Vorteil, dass es deutlich sicherer ist, wir nicht beklaut werden und etwas mehr Komfort haben. Es ist sehr interessant mit den Dorfbewohnern zu sprechen und sich auszutauschen.

Die Zustieg zu den Dörfern sind hier am Beginn unserer Reise auf dem Curaray oft schwierig. In Pavacachi, einem kleinen Dorf 134 km Flussabwärts, das wir am 2. Tag auf dem Curaray erreichen, führt eine etwa 20 m lange Steiltreppe aus Lehm den Berg zu Dorf hoch. Als wir ankommen beginnt es zu regnen und es wird eine echte Schlammschlacht alle Sachen hochzutragen. Dafür gibt es eine schöne Aussicht (Bild 1) und eine Schale Chicha. Das ist ein leicht alkoholisches Getränk, welches aus mit Speiches vermischtem und zerstampften Yuka (so wird die stärkehaltige Maniokwurzel hier genannt) hergestellt wird. Das Getränk gärt durch den Speichel mit der Zeit und wird so etwas alkoholisch. Chicha wird hier ausschließlich von den Frauen zubereitet und ausgeschenkt. In fast jedem Dorf wird uns als erstes eine Schale Chicha angeboten. Mit 72km haben wir in Pavacachi unsere bisher längste Tagesdistanz geschafft.

„Unser“ Haus in Pavacachi
Blick über den Curaray

Am nächsten Tag war das Beladen des Bootes dann ein großer Kraftakt und wir sind spät losgekommen. Neben der Schlafplatzsuche kommt jetzt ein neuer Gedanke dazu, der uns täglich begleitet: Die Grenzüberfahrt. In 44km erreichen wir die ecuadorianische Militärbasis und in 150km dann auch schon die Grenze. Die Dorfbewohner haben uns gesagt, jeder muss an der Militär-Basis in Lorocachi aussteigen und den Grund für sein Passieren angeben. Da die Grenze offiziell geschlossen ist, hängt es von den Militärs ab, ob wir weiterkommen.

Als wir dann in Lorocachi ankommen werden wir durch Zufall direkt vom Dorfvorsteher willkommen geheißen. Wir werden herzlich begrüßt und alle packen mit an, unsere Sachen zum Dorf zu tragen. Auch hier ist der Weg wieder lang, matschig und steil sodass alle froh sind, als unsere Ausrüstung im Dorf ist. Nachdem wir uns etwas erholen und an einem sauberen Wasserbecken abwaschen können, werden wir dann auf das Militärgelände geführt, das nur einen kleinen Spaziergang vom Dorf entfernt liegt. Die Basis hatte im Peru-Ecuador Krieg 1941 Platz für 400 Soldaten. Jetzt sind nur noch etwas mehr als 20 Soldaten dort stationiert. Auf dem Gelände angekommen, werden wir direkt zum Kommandanten geführt, um uns vorzustellen. Der Kommandant ist erstaunlicher Weise nicht wesentlich älter als wir und nachdem wir unsere Unternehmung vorgestellt haben, fragt er uns nur, wie er uns helfen kann und ob wir etwas brauchen. Mit neuem Reis und Haferflocken verlassen wir dann die Basis, um das Abendessen beim Dorfvorsteher zu genießen. Er hat uns eingeladen, zu einer Lagune mit Pekepeke zu fahren um die Fischernetze zu kontrollieren. Pekepeke sind die schmalen Kanus mit einer Schraube am Ende einer langen Stange, wie sie hier häufig benutzt werden. Die Netzte sind mit Fisch gefüllt den wir dann mit Reis und Yuca im Dorf essen.

Die Kilometer bis zur Grenze sind die wenigsten besiedelten bisher. Am Tag sehen wir 1-2 Fischer die die Ruhe zum Fischen und Jagen nutzen. Wir sehen zum ersten Mal rosa Flussdelphine, die uns kurz umkreisen bevor sie Weiterschwimmen. Meist sind sie nur kurz zu sehen und es ist fast unmöglich aus dem Kanu von ihnen Fotos zu machen. Manche haben graue Rückenflossen. Die meisten sind komplett rosa.

An diesen Tagen im Nirgendwo schlafen wir entweder am Strand oder im Dschungel. An einem der Tage fahren wir kurz vor dem Lagereplatzaufbau am späten Nachmittag an zwei Fischern vorbei, die dem ein paar Flusswindungen hinter uns fahrenden Jan verdächtige Fragen stellen. „Bist Du alleine unterwegs?“, „Schläfst Du hier einfach am Strand?“ Wir bereiten uns auf einen nächtlichen Besuch vor und legen trockenes Blattwerk an den Eingang. Sollte jemand darauf treten, hören wir es deutlich. In der Nacht werden wir dann tatsächlich von vorbei fahrenden Fischern beleuchtet, aber entweder sie haben kein Interesse uns zu beklauen oder der Zustieg in den Dschungel ist ihnen zu anstrengend: Zu uns hoch kommen sie nicht.

Die Grenze passieren wir geräuschlos. Ohne unsere Karten hätte man nicht sagen können, wo die Grenze verläuft. Direkt nach der Grenze kommt dann die Ölbasis des französischen Unternehmens Perenco. Es ist schon spät und uns interessiert das Gespräch mit den Ölarbeitern, von denen wir beim Vorbeifahren auf das Gelände eingeladen werden. An der Mündung des Curaray in den Napo haben sich mehrere Dorfgemeinschaften zusammengeschlossen, um Druck auf Perenco und die Regierung auszuüben, da sie Abmachungen zwischen Ihnen und dem Unternehmen für die Nutzung des Regenwaldes nicht eingehalten sehen. Die Meinung der Dorfgemeinschaften werden wir auf den nächsten Kilometern besser kennen lernen. Perencos Sicht ist, dass nur das Dorf, dem das Bohr-Gebiert rechtlich zugeteilt ist, einen Anspruch auf Leistungen hat. Das Unternehmen hat der Regierung Geld gegeben und versucht die Verantwortung für die Verhandlungen auf die Regierung zu schieben die nun mit am Verhandlungstisch in Lima sitzt und schlichtet. Das Unternehmen sieht alle Vertragspunkte eingehalten. Bereits 2015 hat es eine Blockade gegeben, im Rahmen der Perenco weitere Zugeständnisse gemacht und Internet und Betonwegen in die Dörfer gebaut hat. Außerdem fährt seitdem 4mal im Jahr ein Marineschiff mit Ärzten die Dörfer am Curaray ab und versorgt diese medizinisch.

Die Ölarbeiter sind sehr freundlich und geben uns Platz für unsere Hängematten. Eine Metalltreppe führt hoch auf das Gelände, was das Ausladen des Bootes deutlich erleichtert. Nachdem wir uns mit Regenwasser abgewaschen haben bekochen uns die Mitarbeiter mit einem sehr leckeren Fisch und Reis. Was für ein herzlicher Empfang in Peru! Die Station selbst hat ihre besten Tage hinter sich. Als der Ölpreis vor einigen Jahren stark sank, wurde das meiste Personal hier abgezogen und vieles sich selbst überlassen. Ein paar Leute sind aber noch hier, um aufzupassen und Maschinen zu warten.

Die Station von Perenco

Ab und zu paddeln wir an sonderbaren Floßen mit vielen Menschen darauf vorbei. Sie haben hinten Saugrüssel, um den Flussschlamm abzusaugen und durchsuchen diesen nach Gold. Wie erfolgreich sie sind wissen wir nicht, es ist ein skurriler Anblick. Wir sind in unserem Kanu aber wahrscheinlich auch ein sonderbarer Anblick.

Eines der Golsucher-Floße

Unsere nächste Nacht verbringen wir auf einen kleinen Stützpunkt des Peruanischen Militärs. Pedro, der Kommandant, ist jung und aufgeschlossen. Ohne Fragen zu müssen helfen uns seine Leute beim Ausladen des Bootes. Der Stützpunkt ist kleiner als Lorocachi aber gut gepflegt. Das Personal wird durchgehend ausgewechselt und schon bald werden Pedro und seine Leute anderen Stützpunkten zugeordnet. Wir kommen in den Genuss eines Traummahls: Heute haben sie einen Doncella gefangen, eine bis zu 3 Metern große Welsart. Dazu gibt es im Steinbackofen frisch gebackenes Brot, dass uns zusammen mit Café gereicht wird. Es ist das bis jetzt leckerste Essen auf unserer Reise und wir genießen es sehr. In Ecuador hatten wir Angst, dass das Essen vor lauter Kochbananen und Reis sehr eintönig werden könnte doch Peru hat uns schon jetzt mit neuen Geschmäckern verwöhnt.

Der Doncella

Urbina ist das erste größere Dorf, dass wir in Peru passieren. Es ist ein Zentrum der Indigenen Gemeinschaft. Viele Boote liegen vor den Holzhäusern des Dorfes. Nach unserem neuen Tagesrekord von 80km sind wir froh anzukommen. Die Bewohner des Dorfes sind sehr neugierig und nehmen uns mit offenen Armen auf. Wir dürfen in dem Haus des Vaters von dem Ölarbeiter Juan schlafen, der einen Tag später im Dorf ankommt. Die Schule des Dorfes hat Internet und so können wir die Verbindung nutzen, um Kontakt zu Freunden und Familie zu haben. Wir haben beschlossen, ein Paket von Deutschland versenden zu lassen. Iquitos ist die nächste große Stadt auf unserem Weg und eine gute Gelegenheit um unser Equipment wieder neu aufzustocken. Ein paar Sachen wurden uns geklaut und unser Zelt ist zu klein für uns beide. Daneben müssen wir unseren defekten Wasserfilter ersetzen. Das Wasser wird in Filter einfach durchgespült, ohne gereinigt zu werden. Wir können die Ursache leider nicht ausfindig machen. Unsere Alternative ist Chlor zu verwenden. Doch wenn es geht wollen wir wieder einen Wasser-Filter haben, da das Wasser so noch sicherer sauber wird. Mein Bruder Alexander hat sich zum Glück bereit erklärt das Paket zu organisieren. Wir werden es zu dem Cousin eines guten Freundes senden, den wir aus unserem Jahr 2016 in Ecuador kennen. Unsere Sponsoren haben sich direkt zurückgemeldet und die angefragten Ausrüstungsteile zu meinem Bruder geschickt. Jetzt wartet Alex nur noch auf die bestellten Wasser-Filter und sendet dann das Paket ab. In Urbina ist ein Marineschiff Perus angekommen. Es fährt vierteljährlich den Fluss herunter und bringt ärztliche Versorgung und eine Bank, bei der man Geld abheben kann. Es ist das erste große Schiff, dem wir begegnen.

Frühstück zubereiten: Bananen mit Haferbrei

In den Tagen danach sehen wir viele Tiere: Eine schlage, die den Fluss vor uns kreuzt, einige Schildkröten, sie sich am Uferrand sonnen, graue und rosa Flussdelphine. Nachdem das Paddeln mit Jan in den letzten Tagen besser geklappt hat, und wir deutlich mehr Zeit zusammen unterwegs waren, sind wir heute wieder alleine unterwegs gewesen. Jan musste noch Sachen packen und wir sind langsam losgefahren. Bis zum Tagesende haben wir uns dann aber nicht mehr gesehen. Im Nachtlager waren wir aber wieder gemeinsam, er hat uns dann noch eingeholt.

Bis zur Mündung des Curaray in den Napo sind wir gut vorangekommen. Es gab zahlreiche Dörfer in denen wir anlegen konnten und super freundlich und herzlich willkommen geheißen wurden. Fast jedes Mal wurden wir zum Abendessen eingeladen und haben Früchte geschenkt bekommen. Im Moment gibt es viele reife Mangos. Sie sind recht klein und grün, äußerlich nicht super ansprechend. Schmecken aber unfassbar lecker und süß.

Beim Anlegen im Dorf Bolivar
Abendessen mit Brenda, Angel und Sarahi plus Kinder

Bei so viel offener Herzlichkeit, mit der die Menschen uns hier empfangen wissen wir oft gar nicht, wie wir uns bedanken sollen. Aus Deutschland haben wir hübsche Tücher, Anstecknadeln und etwas Werkzeug mitgenommen. Um zumindest etwas besser unsere Dankbarkeit zu zeugen schenken wir unseren Helfern und Gastgebern ebenfalls eine Kleinigkeit und hoffen, dass die Geste richtig verstanden wird.

In San Rafael, dem Ort der Blockade wurden wir dann aber überraschender Weise angehalten. In den Dörfern davor wurde uns versichert wir könnten ohne weiteres passieren. Die Blockade besteht aus einem Stahlseil, dass knapp über dem Wasser verläuft und am Ufer befestigt ist. In der Flussmitte stehen Boote, die das Untertauchen des Seiles verhindern. Mehrere Öltanker warten schon vor der Blockade als wir uns am Nachmittag dem Dorf nähern. Wir haben beschlossen direkt weiterzupaddeln, da wir mehrfach von Kriminalität in dem Dorf gehört haben. Der Präsident der Blockade stoppt uns an dem Stahlseil und bringt uns in das Zentrum des Dorfes wo sich die Dorfvorsteher der verschiedenen Gemeinden versammeln, die zusammen die Blockade errichtet haben. Da die Blockade von den Dörfern zusammen getragen wird, muss jede Entscheidung gemeinschaftlich getroffen werden. Der Präsident ist sichtlich nervös, als er uns der Versammlung vorstellt. Er ruft uns nach einer kurzen Einleitung vor die Tribüne um unser Anliegen darzulegen. Am Anfang sind die Vorsteher noch skeptisch und ein paar fordern Geld von uns um passieren zu können. Doch schließlich setzen sich andere für uns ein und wir bekommen das OK der Gemeinschaft. Es kann weiter gehen, nachdem die Erinnerungsfotos mit den Dorfbewohnern gemacht sind. Leider haben wir kein Handy dabei um ein Erinnerungsfoto für uns zu machen.

Der Fluss ist bei San Rafael mit einem Stahlseil abgesperrt

Ein paar Kilometer den Fluss runter werden wir dann an der Mündung in den Napo an einer großen peruanischen Militär-Basis angehalten. Die Militärs wissen aber schon bescheid. Pedro hat uns gemeldet und sie haben unsere Tour schon mit deutschen Presseartikeln abgeglichen, die sie sichtlich zu überzeugen scheinen. Erschöpft können wir in einem kleinen Dorf hinter der Basis schlafen. Am Napo haben wir für uns einige große Meilensteine erreicht. Die ersten 1000km sind gepaddelt und wir haben zwei Flüsse hinter uns gelassen.

 

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Die erste Woche: Paddeln auf dem Nushino
Der Rio Napo

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